Nordsee-Gipfel rund ums Rathaus: Festung mit Scharfschützen

Hochsicherheitsbereich: das Hamburger Rathaus ist von rotweißen Hamburger Gittern umzäunt und hält Passanten davon ab, in die Nähe zu kommen. Bewacht wird das Rathaus von mehreren Polizistinnen und Polizisten. Foto: FoTe Press

(mr/ha). Gitter wohin das Auge blickt, dahinter zahlreiche Polizistinnen und Polizisten. Hamburg war heute Gastgeber des Nordsee-Gipfels, zu dem die Bundesregierung mehrere Staats- und Regierungschefs aus den norddeutschen Ländern eingeladen hatte. Es war das erste Mal, dass Deutschland den internationalen Nordsee-Gipfel ausrichtete. Im Fokus stand der Ausbau der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei der Energieversorgung in Europa. 

Eine Fahrzeugkolonne auf dem Rathausmarkt in Hamburg.
Fotos: FoTe Press

Das Ziel: Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit beim Ausbau der Windenergie auf See und der Wasserstoffinfrastruktur auszuweiten. Eingeladen waren Staats- und Regierungschefinnen und -chefs sowie Energieministerinnen und Energieminister aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen und die Europäische Kommission sowie erstmals auch Island und die NATO. Zudem nehmen über 100 Unternehmensvertreterinnen und -vertreter am Gipfel teil.

Ausbau der Windenergie auf See konkret voranbringen

In Hamburg ging es somit vorrangig darum, die Zusammenarbeit der Nordsee-Anrainerstaaten zu verbessern, um den Ausbau der Windenergie auf See, die sogenannte Offshore-Windenergie, sowie der Wasserstoff-Infrastruktur in der Nordsee voranzubringen. Die Ergebnisse werden in verschiedenen zwischenstaatlichen Gipfel-Erklärungen und Kooperationsprojekten festgehalten. 

So haben sich die Energieministerinnen und Energieminister in ihrer gemeinsamen Erklärung darauf verständigt, bis zu 100 GW Erzeugungsleistung grenzüberschreitend zu vernetzen. Zudem soll ein gemeinsamer Investitionspakt zwischen Nordsee-Staaten, Offshore-Windindustrie und Übertragungsnetzbetreibern den Nordseeraum zum größten Hub für saubere Energie machen. 

Damit die hochrangigen Politiker sicher zum Tagungsort gelangten, waren umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen notwendig, hieß es von der Polizei. Rund um das Rathaus und die angrenzenden Straßen wurden daher Sicherheitszonen eingerichtet. Das Gebiet rund um den Rathausmarkt war für Psssanten tabu – bereits im Vorwege wurde darauf hingewiesen, dass vereinzelte Geschäfte geschlossen seien. Auf einem Dach eines vom Rathaus gegenüberliegenden Geschäftsgebäudes positionierten sich mehrere Scharfschützen und beobachteten mit Fernsegläsern die Gegend. Zwei Räumpanzer (Sonder-KW) versperrten Straßen, damit keine Fahrzeuge auf den Rathausmarkt gelangen.

Der Bundeskanzler begrüßte die Regierungschefinnen und -chefs am Mittag zunächst am Hamburger Hafen. Dort besichtigten sie zunächst gemeinsam das Mehrzweckschiff „Neuwerk“ der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Die „Neuwerk“ kann unter anderem als Eisbrecher, bei schifffahrtspolizeilichen Aufgaben und als Feuerlöschschiff eingesetzt werden – auch in Offshore-Windparks. 

Kritik kommt vom Naturschutzbund BUND

Im Hamburger Rathaus wurden die Gespräche dann fortgesetzt. Anlässlich des internationalen Nordsee-Gipfels, den die Bundesregierung am 26. Januar 2026 in Hamburg ausrichtet, fordert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), den Ausbau der Offshore-Windenergie strikt an den Belastungsgrenzen der Nordsee auszurichten. Die Nordsee ist bereits heute eines der am stärksten genutzten Meeresgebiete weltweit. Der BUND betont: Erneuerbare Energien sind das Rückgrat des Klimaschutzes und die Windenergie auf See kann einen wichtigen Beitrag leisten. Gleichzeitig gilt: Klimaschutz und Naturschutz müssen gemeinsam gelingen. Gesunde Meere sind Lebensräume und müssen geschützt und wiederhergestellt werden.

Mehrere Polizisten sicherten das Rathaus.

„Die Nord- und Ostsee befinden sich in einem schlechten ökologischen Zustand. Ein weiterer massiver Ausbau der Offshore-Industrie darf nicht auf Kosten von Artenvielfalt und Meeresschutz gehen,“ erklärt der BUND. Während die Bundesregierung die Nordsee als „grünes Kraftwerk für Europa“ positioniert, warnt der BUND davor, sie durch immer mehr Infrastruktur faktisch zu einem Industriegebiet zu machen. Der Ausbau der Offshore-Windenergie und deren Netzanbindung muss nach Ansicht des Umweltverbands naturverträglich erfolgen und mit einer messbaren Reduktion der kumulativen Belastungen einhergehen. Derzeit sind Kabeltrassen durch das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer geplant, wodurch dessen Status möglicherweise gefährdet ist.

„Meeresschutzgebiete, sensible Räume einschließlich des Wattenmeeres sowie Pufferzonen müssen als Rückgrat des marinen Biodiversitätsschutzes von Energieinfrastruktur möglichst weitgehend freigehalten werden“, fordert der BUND. Industrielle Nutzungen wie Offshore-Windparks, Kabeltrassen oder Wasserstoffpipelines dürfen Schutzgebiete nicht weiter entwerten. Die marine Raumordnung sollte dem Ökosystemansatz folgen und muss Naturschutzflächen verbindlich sichern. Grenzüberschreitende Kooperationsprojekte können die Energiewende effizienter machen. Es braucht dafür aber klare ökologische Leitplanken sowie einen verlässlichen europäischen Rahmen für Planung, Finanzierung und Netzanbindung.

Scharfschützen auf dem dach eines Geschäftsgebäudes
am Rathausmarkt.

Besondere Sorge bereitet dem BUND die zunehmende Belastung sensibler Arten wie Schweinswale und Seevögel. Unterwasserlärm durch Rammarbeiten, Schiffsverkehr und militärische Nutzung überschreitet bereits heute vielerorts verträgliche Schwellen. Der BUND fordert grenzüberschreitend abgestimmte Schwellenwerte und Lärmminderungsmaßnahmen sowie lärmarme Bauverfahren und Serviceverkehre als verbindliche Standards. Flugkorridore sowie Rast- und Nahrungsgebiete von Seevögeln müssen bei Planungen berücksichtigt werden.

Auch der Aufbau von Wasserstoffinfrastruktur dürfe nicht zu neuen Umweltproblemen führen. „Wasserstoff kann nur dann einen Beitrag zur Energiewende leisten, wenn er konsequent aus erneuerbaren Energien und naturverträglich erzeugt wird und die dazu notwendige Infrastruktur auf das tatsächlich notwendige Maß begrenzt bleibt“, betont der BUND. Noch kritischer sieht der BUND die CCS-Technologie: „CCS ist eine teure Illusion und droht zum Freibrief für weitere fossile Emissionen zu werden. Statt CO2 unter der Nordsee zu verpressen, müssen Emissionen an der Quelle vermieden werden und natürliche Kohlenstoffsenken geschützt und wiederhergestellt werden.“

Ein zentrales Defizit der bisherigen Nordsee-Politik ist nach Auffassung des BUND die unzureichende Berücksichtigung kumulativer Auswirkungen: Windparks, Netzanbindungen, Schifffahrt, Öl- und Gasförderung, Fischerei und militärische Nutzung üben massiven Druck auf das Ökosystem aus. Der Nordsee-Gipfel müsse hier verbindliche gemeinsame Bewertungsinstrumente beschließen und dafür sorgen, dass Belastungen in der Summe sinken.

Der BUND kritisiert zudem, dass Umweltverbände und Zivilgesellschaft bislang kaum in die Vorbereitung und Durchführung des Gipfels eingebunden sind. „Die Zukunft der Nordsee darf nicht allein zwischen Regierungen und Industrie verhandelt werden. Transparenz, frühzeitige Beteiligung und wissenschaftliche Begleitung sind unverzichtbar“, erklärt der BUND. 

Der Nordseegipfel bietet aus Sicht des BUND die Chance, den Nordseeraum zu einer Modellregion für eine naturverträgliche Energiewende zu machen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Klima- und Biodiversitätsschutz gleichrangig behandelt und vorangebracht werden und ökologische Leitplanken nicht weiter aufgeweicht werden.


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