„Großstadtrevier“-Star Sven Fricke: „Mit einer Polizei-Nachtschicht fing alles an“

Der neue Arbeitsplatz von Kommissar Daniel Schirmer (Sven Fricke) auf dem Gelände von Studio Hamburg. Foto: FoTe-Press

(mr). Montags ist „Großstadtrevier“-Tag. Wenn um 18.50 Uhr in der ARD neue Folgen (oder auch Wiederholungen) ausgestrahlt werden, sind fast drei Millionen Zuschauer dabei. Das „Großstadtrevier“ läuft seit 1986 im Flimmerkasten und befindet sich aktuell in der 33. Staffel, die derzeit in Hamburg gedreht wird.  Zu den Hauptdarstellern der Polizeiserie gehören Wanda Perdelwitz, Maria Ketikidou, Patrick Abozen, Jan Fedder, Saskia Fischer, Peter Fieseler, Sven Fricke und Marc Zwinz.

Sven Fricke.

Sven Fricke, der als Wachhabender Kommissar Daniel Schirmer seit Folge 327 („Was Altes, was Neues und was Blaues“) zu sehen ist, tritt als aufrichtiger, immer verlässlicher und freundlicher Polizist in Erscheinung. Zu seinem Leidwesen ist er ein wenig klüger und belesener als die anderen Menschen auf diesem Planeten. Immer wieder

verzweifelt er an dem Unvermögen der Menschheit. Dann beginnt er, betont langsam Sachverhalte zu erklären oder fassungslos Hannes Krabbe (gespielt von Marc Zwinc) dabei zu beobachten, wie der sich in eine neue, vermeintlich sinnlose Aktion hineinsteigert.

Soweit die Rolle des Polizisten Daniel Schirmer. Wie aber ist Schauspieler Sven Fricke privat? Was sieht er sich gerne im Fernsehen an? Warum ist das „Großstadtrevier“ seiner Meinung nach so erfolgreich? Ihre Hamburger Allgemeine Rundschau hat Sven Fricke alias Daniel Schirmer am neuen Set vom „Großstadtrevier“ interviewt.

Sven Fricke, Sie sind seit 2012 als Hauptdarsteller beim „Großstadtrevier“. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Dreh?

Es war im Juni 2012. Das Team vom „Großstadtrevier“ hatte damals keine Sommerpause und ich hatte kurz davor im Rahmen der Autorentheatertage in Berlin eine Premiere. Deshalb hatte ich gar nicht die Zeit nervös zu werden. Die Kollegen Wanda Perdelwitz und Jens Münchow kamen zeitgleich mit mir ins Team – für uns Drei war dann alles neu. Es fühlte sich von Anfang an gut an.

Wie wurden Sie vom Team empfangen?

Es ist eine sehr familiäre Arbeitsatmosphäre beim „Großstadtrevier“. Ich wurde gleich aufgenommen. Der soziale Teil war von Anfang an super.

Was ist der Unterschied zwischen Engagements beim Theater und dem Fernsehen?

Beim Theater arbeitet man ganz anders auf ein Ergebnis hin. Beim Theater kann man sich auf dem Weg zur Premiere verrennen oder an Dingen scheitern. Der Regisseur oder eine Regisseurin begleitet den Schauspieler in den sieben oder acht Wochen Probenzeit, hinterlässt eine Art Abdruck bei dem Schauspieler und geht nach der Theaterpremiere. Er lässt den Schauspieler nach der Premiere quasi allein. Es liegt in der Verantwortung der Schauspieler, jeden Abend einen perfekten Auftritt zu liefern. Beim Film beziehungsweise Fernsehen ist es genau anders. Der Schauspieler hat nicht so viel Zeit, weil er quasi jeden Drehtag eine Premiere hat. Man versucht die Szene schnell hinzubekommen, es wird gleich gefilmt. Man muss für diese wenige Momente, wo die Kamera einen anschaut, präsent sein. Wenn ich abends noch mal einige Szenen durchgehe, kann es schon mal vorkommen, dass ich von mir selbst enttäuscht bin. Mir fallen dann teilweise Dinge ein, die ich im Moment der Dreharbeiten nicht auf dem Schirm hatte.

Von links: Sven Fricke mit seinen Kollegen Marc Zwinc, Maria Ketikidou und Peter Fieseler.

Sicherlich spielt aber auch die Zeit eine wichtige Rolle?

Genau. Auf einer Theaterbühne kann man sich sozusagen Dialoge hinbasteln. Wenn ich Zuschauer sehe, die beispielsweise dem Hauptgeschehen nicht folgen, so kann ich reagieren. Beim Film ist es so, dass schon mal Dialoge von Daniel Schirmer herausgeschnitten werden. Wir haben ja nur 47 Minuten. Wir können ja nicht 62 Minuten draus machen, auch wenn die Folge noch so gut ist.

Was macht das „Großstadtrevier“ aus?

Es ist eindeutig die Stadt Hamburg. Es ist ja „die“ Polizeiserie. Obwohl hier in der Hansestadt auch andere Polizeiserien gedreht werden…

Die kombinierte Polizei- und Arztserie „Notruf Hafenkante zum Beispiel. In der Sie mal einen Gastauftritt hatten…

Ja, das stimmt. Ich war jung und brauchte den Rum (lacht). Im Laufe der Zeit hat sich natürlich Hamburg sehr verändert – aber genau das macht es aus. Toll, die Stadt Hamburg in den 80er Jahren zu sehen – und dann neue Folgen vom Großstadtrevier. Und wir haben die lebensgroße Galionsfigur dabei, die ein ganz wichtiger Faktor ist. Ich nenne ihn immer „Fedder-Faktor“. Mit seiner schnoddrigen und plietschen Art trägt er natürlich zum großen Erfolg der Serie bei.

Was sehen Sie privat gerne im Fernsehen?

Ich schaue tatsächlich wenig Fernsehen. Dadurch, dass ich Vater bin und meine Frau (Theater-Regisseurin) häufiger nicht in Hamburg ist, hab ich auch gar nicht unbedingt großes Interesse, Serien oder Filme zu sehen. Ich habe mehrere Folgen vom „Tatortreiniger“ gesehen, die haben mir gefallen. Und natürlich aus alter Verbundenheit mehrere „Tatorte“. Wenn ich alleine Zuhause sitze, dann sehe ich gerne Dokumentation oder Reportagen. Ich denke immer, derjenige, der den ganzen Tag in der Küche arbeitet, kann abends auch keine Kakerlaken mehr sehen. Da ich selbst in einer Serie mitmache, beginne ich darum erst keine Serie im Fernsehen anzuschauen.

Wie ist das Verhältnis zur „echten“ Polizisten?

Solange sie mich nicht auf dem Kicker haben, ist das Verhältnis zur Polizei sehr gut. Ich versuche immer, mir nichts zu Schulden kommen zu lassen.

Haben Sie sich schon mal etwas zu Schulden kommen lassen?

Naja. Wer wirft da den ersten Stein. Natürlich – wer geht schon ohne Polizeikontakt durch die Welt. Aber seit ich im „Großstadtrevier“ in Uniform arbeite, hat sich einiges verändert. Die Schnappatmung, die ich früher hatte, wenn ein Uniformierter in den Raum kam, hat sich gelegt (lacht). Es ist jetzt angenehmer.

Mussten Sie selbst die Polizei einmal rufen?

Es gab tatsächlich mal einen Fall, da war ich etwa 12 oder 13 Jahre alt. Da wohnte ich noch am Stadtrand von Berlin. Mein Freund und ich waren in unserem Haus, da klingelte ein Gas-Ableser bei uns. Natürlich habe ich den sofort versucht abzuwimmeln und gesagt, dass wir gar kein Gas haben. Aber er sagte, dass im gegenüberliegenden Haus der Fernseher läuft und auf dem Boden ein Körper liegt. Auf sein Klingeln würde niemand öffnen. Da bin ich dann zusammen mit meinen Freund rüber und habe die Situation sehen können, die der Gas-Ableser beschrieben hatte. Dann bin ich mit meinem Freund mit dem Fahrrad zur nächsten Telefonzelle gefahren.

Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen: eine Telefonzelle.

Das stimmt. Aber Anfang der 90er Jahre war es so, dass wir zu einer Telefonzelle fahren mussten. Wir hatten Angst, dass wir am Telefon anfangen zu lachen, wenn wir erzählen, dass „im Nachbarhaus ein Körper“ am Boden liegt. Aber wir haben es hinbekommen – und dann war den ganzen Tag viel los bei uns in der Straße.

Haben Sie mal ein Praktikum bei der Polizei gemacht?

Ich habe eine Nachtschicht vor meiner ersten Folge im Polizeikommissariat 11 in Hamburg-St. Georg mitgemacht und bin mit auf Streife gefahren. Das war sehr interessant. Mit dieser Nachtschicht fing alles an. Es war in der Nacht, in der die Deutsche Nationalmannschaft anlässlich der EU-Weltmeisterschaft 2012 gegen Portugal gespielt hat. Eine sehr interessante Streifenfahrt war das.

An was erinnern Sie noch konkret?

Ich hatte mit Fan-Horden gerechnet, die dann betrunken durch die Straßen flanieren. Aber letz endlich hatten wir viel mit Ruhestörung zu tun. In einem Wettbüro mussten die Polizisten einen Platzverweis aussprechen und dafür sorgen, dass sich eine Person aus dem Wettbüro entfernt. Das fand ich sehr, sehr fragwürdig.

Warum?

In dem Wettbüro gab es eine Anweisung, dass sich Personen nur dann dort aufhalten dürfen, wenn sie auch aktiv für ein Spiel wetten. Ich fand es menschlich fragwürdig, dass nun so eine Person aus dem Laden geschmissen wird und die Polizei das Hausrecht, welches willkürlich von dem Inhaber dieses Wettbüros festgelegt wurde, durchsetzen muss. Aber bei uns gibt es ja auch eine Art Gesetz: das Drehbuch. Auch da stehen manches Mal willkürlich Dinge drin, aber an die ich mich zu halten habe.

Nach dieser Erfahrung kommt der Beruf des Polizisten für Sie nicht in Frage?

Auf gar keinen Fall! Ich schätze die Arbeit der Polizisten sehr. Für mich wäre das aber nichts. Ich hätte mit vielen Straftatbeständen moralisch und menschlich Probleme. Mal abgesehen davon, dass ich die Eignungsprüfung im Sport nicht bestehen würde. Ich bin wahrlich nicht der sportlichste. Zum Glück vertuscht die Kamera beim Film eine ganze Menge.

Gibt es einen kuriosen Versprecher während der Dreharbeiten?

Sven Fricke mit Hugo Egon Balder.

Klar, das passiert als Schauspieler immer mal wieder. Kollegin Fischer sagte mal am Set: „Mit einem Pick Up kann man eine Menge Pflanzen transportieren.“ Es war schon ziemlich spät an diesem Drehtag. An diesem Satz haben wir sehr, sehr lange gearbeitet. Irgendjemanden von uns hat es immer wieder geschleudert. Und wenn wir heute eine ähnliche Szene drehen sage ich: „Mit einem Pick Up kann man eine Menge Pflanzen transportieren.“ Aber ansonsten sind Versprecher immer nur an dem Drehtag aktuell – danach vergisst man sie wieder. Es gibt ja keine Out-Takes – leider.

Machen Sie doch mal den Vorschlag bei der Produktion!

Das machen wir! Aber wir bekommen ja kein Gehör (lacht).

Wie werden Sie auf der Straße angesprochen?

Meistens werde ich erkannt, aber die Leute ordnen mich nicht sofort als der Daniel Schirmer aus dem Großstadtrevier ein. Eine Frau sagte mal zu mir, dass ich den Harald Maack grüßen solle. Der spielt zwar auch einen Polizisten, aber in einer anderen Serie. Die Menschen sind eher zurückhaltend, freundlich. Ich spiele im Großstadtrevier ja auch keine große Hauptrolle, von daher kommt es nicht jeden Tag vor, dass ich auf der Straße abgesprochen werde.

Gab es mal einen Moment, an dem Sie aus dem „Großstadtrevier“ aussteigen wollten?

Nein. Natürlich gab es mal Tage, wo es Probleme mit Kollegen oder einem Regisseur gab. Abends sitzt man dann in seinem Zuhause und schäumt vor Wut. Das gehört aber dazu. Aber dass ich aus der Serie aussteigen wollte, kam bis jetzt nicht in Frage!

Sie drehen fast ausschließlich in Hamburg. Wird der Drehort Hamburg nicht langweilig?

Das ist ja eine Fangfrage. Hamburg als Großstadt bietet so viele Möglichkeiten. Der große Hafen, Hochhaussiedlungen, historische wie auch moderne Gebäude – und im Gegensatz dazu viele Parks und das Alte Land vor den Toren Hamburgs. Das Team entdeckt schon seit Jahren immer wieder neue Ecken, es wird nie langweilig. Und vor allem gibt es laufend Veränderungen. Wer sich die alten Folgen aus den 80er Jahren anschaut sieht da noch Gebäude, Straßen oder Plätze, die sich in den neuen Folgen total verändert haben. Ich vergleiche es mal mit einem Restaurant. Als Gast geht man immer ins gleiche Restaurant, aber die Gerichte ändern sich. Es gibt also immer etwas Neues, obwohl der Handlungsort der selbe ist.

Wie lernen Sie Ihre Texte?

Damit habe ich keine Probleme. Schon der Schule konnte ich mir viele Texte merken. Ich habe einen Text grafisch vor mir und lerne schnell und gut – dann klappt es. Es ist sehr hilfreich, wenn man weiß, was man sagt. Es kommt also immer auf den kompletten Inhalt an.

Danke fürs nette Gespräch.

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